Aber der Reihe nach. Wir verbringen noch einen weiteren Tag in St. Petersburg, denn der Wetterbericht verkündet Westwind mit über 20 Knoten. Auch wenn die polnische Yacht nebenan extra ausläuft um diesen Wind zu nutzen, wir wollen es nicht. Über 20 Knoten gegenan im finnischen Meerbusen, das muss nicht sein. Immerhin sind die Polen auch 10 Leute und haben ein Schiff unter dem Hintern, das sicher zehnbis 20 Füße größer ist als Fritsjen. So machen wir uns noch mal auf in die Stadt, erkunden die Isaaks Kathedrale, genießen noch einmal die Atmosphäre von St. Petersburg. Wir kaufen noch die letzten notwendigen Dinge ein und dann soll es am Mittwoch losgehen. Auch nicht zu früh, denn vor 11 Uhr sind die Zollbeamten noch nicht mit der Abfertigung der Fähre fertig und haben dann auch keine Zeit für uns. Gegen 11 Uhr brechen wir daher im Yacht Club auf. Es ist schönster Sonnenschein und der Wind ist runter gegangen auf sechs bis acht Knoten. Gut für uns, denn wir müssen erst einmal im Fahrwasser bis nach Kronstadt motoren. Bevor wir zum Ausklarierungskai aufbrechen, fahren wir noch zur Tankstelle des Yacht Clubs und tanken dort. Zunächst gibt es einen Schreck, denn als wir dort anlegen und fragen, ob wir mit Karte zahlen dürfen, schüttelt der Tankwart den Kopf: No card, only cash! Mist, wir schauen uns an, also müssen wir die letzten Rubel zusammenkratzen. Aber es reicht zum Glück, wir bekommen 30 Liter, und mehr wollten wir auch gar nicht.

Das Ausklarieren geht problemlos und gegen 13 Uhr schmeißen wir die Leinen los, gemeinsam mit der Florentine. Auf nach Finnland! Kaum sind wir im Fahrwasser, ist der Wind wieder kräftiger geworden und bläst uns mit 12 bis 13 Knoten entgegen. Schade, dass hier in diesem "Binnensee" eine sehr unangenehme Welle entsteht. Das Motoren wird zur Qual. Nicht nur, dass hier viel Schiffsverkehr ist und alle paar Minuten uns die Tragflügelboote passieren - nun dürfen wir auch mit einer kleinen, sehr steilen Welle von vorne uns anfreunden. Und das über 15 Seemeilen! Vor Kronstadt wird die Welle nicht weniger, sondern größer, steiler und chaotischer und der Wind weht mittlerweile mit bis zu 18 Knoten aus West! So hatten wir uns das nicht vorgestellt! Für den ganzen Nachmittag und Abend waren maximal zehn Knoten aus West angesagt und zwar von allen Wetterberichten, die wir uns angesehen haben - und das waren ungefähr sechs! Die Stimmung ist leicht gereizt! Wie soll das werden! Bis Finnland sind es noch mehr als 70 Seemeilen (nach Westen, also gegen den Wind!). Unmittelbar nach Kronstadt wird die Welle dann noch unangenehmer. Wir hatten uns schon gewundert, warum die Florentine, die deutlich vor uns war, derartige Schlangenlinien fährt. Aber spätestens dann war uns klar, warum. Es ging nur darum sich bestmöglich durch die Wellen zu bewegen. Ein wahrer Rodeoritt steht uns und Fritsjen bevor. Kein Spaß! Aber auch irgendwann ist der Ritt überstanden und die Wellen werden kleiner. Wieder einmal standen hier vermutlich Strom aus der Newa und Wind und Windwelle gegeneinander.

Als die Wellen kleiner werden, der Wind sich auf zehnKnoten eingependelt hat, füllt Jan Benzin um. Wir haben nur einen "großen" Tank von 20 Litern und drei Ersatzkanister von je zehn Litern, die wir zum Nachfüllen des 20-Liter-Tanks nutzen. Kaum ist das russische Benzin umgefüllt, verschluckt sich der Motor einmal. Wir schauen uns an. Was war das? Naja, kann ja mal passieren. Wenige Minuten später geht der Motor ohne Vorwarnung aus. Und er lässt sich auch nicht überreden wieder anzugehen. So ein Mist! Was nun? Schnell setzen wir die Segel. Rufen Florentine, die mittlerweile schon zig Meilen voraus ist, und informieren sie. Genauso versuchen wir die russische Coastguard zu erreichen. Denn so können wir nicht dicht am Fahrwasser die ganze Strecke zurücklegen - wir müssen Kreuzen. Dann gibt es schnell einen Anruf - so lange wir noch Empfang haben - bei Olav Grümmert in Kiel. Was kann es sein? Wir bekommen viele Tipps und versuchen alles, aber der Motor springt nicht mehr an. Haben wir Diesel getankt? Aber es stand doch 95 auf der Zapfsäule? Wir riechen am Kraftstoff. Er riecht anders. Aber nicht nach Diesel, aber auch nicht nach Benzin. Silja findet, er riecht nach Heizöl. Derweil segeln wir, kreuzen wir nach Finnland. Eigentlich ist es tolles Wetter, leichter Wind, keine Welle, die Sonne scheint und es ist relativ warm. Dennoch ist die Stimmung schlecht. Was ist, wenn der Wind einschläft? Wir bewegen uns immerhin relativ dicht an einem Hauptfahrwasser, das unzählige Frachter und Fähren passieren. Wie lange werden wir brauchen? Dummerweise sind wir auch beide noch erkältet und daher nicht erfreut, eventuell mehrere Tage nach Finnland zu segeln. Aber, wir haben in Russland ausgecheckt und wir haben keine Möglichkeit dort noch irgendwo anlanden zu können. Wie gut, dass Fritsjen auch bei wenig Wind sehr gut Amwind segelt. Bei nur 5 Knoten Wind, segeln wir immerhin mit 4 Knoten. Wir kommen wider erwarten gut voran. Die berüchtigte Tonne 4 ist sogar schon Donnerstag Vormittag in Reichweite.

Die Coastguard lässt uns dieses Mal in Ruhe. Aber sie ruft uns dennoch, auf russisch - ohne den Schiffsnamen zu nennen...wie sollen wir das verstehen? Zum Glück segelt noch Nadashda unweit von uns - ein Russe aus St. Petersburg, der neben uns im Club lag. Er spielt "Übersetzer" und so bekommen wir keine Probleme. Ganz im Gegenteil. Als dann zu allem Überfluss auch noch dichter Nebel aufkommt, dürfen wir auch jenseits der normalen Fahrwege kreuzen. Wir nähern uns der finnischen Grenze - juhu - bald haben wir es geschafft. Aber wie sollen wir uns durch das Schärenmeer bewegen? So lange noch Wind aus der richtigen Richtung weht ist alles gut. Aber was ist, wenn der Wind weggeht? Es erscheint uns zu risikoreich durch enge Fahrwasser, die wir nicht kennen, teilweise mit Wind von vorne, zu segeln. Wir wollen eine Schlepphilfe anfordern. Da berichtet die russische Yacht Nadeshda, dass sie nach Haapasari wollen. Prima, wir fragen sie, ob sie uns mitnehmen können und sie erklären sich bereit. Die Stimmung steigt! Wir verabreden, dass wir noch ein Stück segeln. Dann kommt die ernüchternde Nachricht: sie haben mit der russischen Coastguard gesprochen, die ihnen verboten hat uns in russischen Gewässern zu schleppen. Erst in Finnland…..na toll! Was ist denn das wieder für eine Regel? Zeitgleich kommt aber auch eine SMS von der Florentine. Uwe und Conny haben in Haapasari auf uns gewartet und erklären sich bereit uns nach Kotka zu schleppen! Was für eine Erleichterung! Sie bergen uns, mittlerweile in der Flaute liegend, unweit vor Haapasari ab, nehmen uns in Schlepp und wir schippern gemeinsam nach Kotka. Kurz vor Kotka gibt es noch einmal Kontakt mit der finnischen Coastguard, den wir klar machen, dass wir manövrierunfähig sind und nicht an denEinklarierungssteg können und bitten die Abfertigung im Hafen machen zu dürfen. Im Hafen wird unser Schleppverband gleich gesehen, Conny und Uwe schmeißen uns los und wir rauschen in die Box. Dort warten schon viele nette helfende Hände und in Sekundenschnelle sind wir fest. Genauso schnell ist aber auch die Coastguard da, die uns zunächst etwas unsanft begrüßt. Wir hätten nach Haapasari gemusst, egal ob der Motor läuft oder nicht. Silja versucht ihnen klar zu machen, dass wir die finnische Coastguard schon bei Grenzübertritt über unser Problem informiert hatten und das wir bei Flaute unmöglich das enge Fahrwasser nach Haapasari hätten fahren können. Außerdem war ja über Funk alles geregelt worden. Nach einigen Telefonaten ist alles geklärt, die Coastguard wird freundlich und will sogar helfen das Motorproblem zu klären.

Puuhhh, das ist geschafft! Abendteuer Russland ist vorerst beendet! Jetzt beginnt der Urlaub! Wir lassen den Abend gemütlich ausklingen. Mit Uwe und Conny an Bord der Florentine bei Sekt und Salat. Dann wird erst einmal ausgeschlafen, gefrühstückt und dann kommt irgendwann auch der Motor dran. Aber erst einmal lassen wir es ruhig angehen.